

Der Pianist am Flügel

CD mit Werken von Rameau

CD mit Werken von Ravel
Tzimon Barto in Wels
Wieder einmal kommt ein Weltstar unter den Pianisten zu Round Table 6 nach Wels. Nach dem fulminanten Erfolg bei seinem ersten Auftritt 1990 und der daraus resultierenden hohen Erwartungshaltung stellen sich viele die Frage: Schafft er es noch immer, sein Publikum zu begeistern?
Diese Frage ist alsbald beantwortet: Ja. Und wie!
Ein wahrer „Ear Opener“ sind gleich zu Beginn vier Stücke von Jean-Philippe Rameau, die den Zuhörer von der ersten Minute an zur Aufmerksamkeit zwingen. Sie sind alles andere als eine „Einsteiger-Nummer“, die man dazu nützt, sich an die Raumakustik, den Pianisten, seine Sitznachbarn und der zur Verfügung stehenden „Beinfreiheit“ (oder eben nicht) zu gewöhnen. So wenige Töne, bewusst artikuliert und agogisch gestaltet, so zart und zugleich fesselnd gespielt, lassen unmittelbar eintauchen in die feine Klaviermusik.
Kontrastierend dazu danach ein wahres Feuerwerk an Jugend und Kraft: drei Stücke des jungen Komponisten Patricio da Silvia (Österr. Erstaufführung). Perkussive Rhythmen und Repetitionen (1. Stück) gefolgt von leisen, fast sinnlichen Harmonien und Melodiebögen (2. Stück) und dröhnendem Hämmern, das an die Grenzen des Flügels geht und den Deckel – durch die kraftvollen Sprünge zwischen Bass und Diskant und die starke Betonung einzelner Töne - bedrohlich stark zum Wippen bringt (3. Stück).
Nach diesen innovativen, zeitgenössischen Stücken wirken Brahms’ Paganini-Variationen fast wie ein „Gassenhauer“. Barto arbeitet die verschiedenen Stimmungen der Variationen wundervoll heraus und bewegt sich wiederum im breiten Spektrum vom feinsten ppp und perlenden Diskantpassagen bis hin zu extrem starken Bässen und zur Tastenakrobatik im Geschwindigkeitsrausch, bei dem sich seine Finger selbst zu überholen scheinen. In den Übergängen schafft der Meisterpianist Farbwechsel mühelos von einem Takt zum nächsten.
Es gibt Pianisten, die spielen, und es gibt Pianisten, die einen Flügel zum „Fliegen“ bringen. Tzimon Barto ist so einer. Und er hat einen wunderschön „fliegenden“ Steinway-Flügel an seiner Seite, der selbst die leisesten Töne bis in die letzte Reihe des akustisch eher trockenen Welser Stadttheaters trägt. Schade nur, dass manche Publikumshuster lauter sind als Bartos feiner Anschlag.
Nach der Pause derselbe Effekt wie zu Beginn: Seine Interpretation von Ravels’ „Miroirs“ nimmt das Publikum unmittelbar gefangen. Den Vergleich mit der Interpretation Oleg Maisenbergs’ nur drei Monate zuvor an derselben Stelle braucht Tzimon Barto nicht zu scheuen. Dynamikwechsel führt er mit kaum wahrnehmbaren Bewegungsveränderungen durch.
Keine großen Gesten. Aber große Effekte.
Träumerisch, traurig, spritzig, feurig, fröhlich – alle Stimmungsbilder werden ganz bewusst durchlaufen. Lediglich das Umblättern der Noten zwischen den einzelnen Klangbildern ist etwas störend.
In „Das Tal der Glocken“ lässt er die Melodie fast schüchtern dahinperlen und setzt die Akkordfolgen unspektakulär hintereinander. Die Huster im Saal sind verstummt. Stille Ehrfurcht vor dem Komponisten und seinem Sprachrohr. Den Schlussakkord schickt er in den Saal hinaus und lässt ihn ewig lange nachklingen. Gott sein Dank ein kultiviertes Publikum - keiner klatscht in diese Spannung zu früh hinein. Respekt und Sympathie für den Pianisten sind reihum zu spüren.
Nach dem Schlussstück „Andante und Polonaise op. 22“ von Frédéric Chopin rezitiert Barto, der nicht nur Pianist, Schriftsteller und Bodybuilder ist, sondern auch fünf Sprachen – darunter Deutsch – fließend spricht, als Zugabe ein selbstverfasstes Gedicht. Ein Genuss für Auge und Ohr!
Die mit viel Witz gespielte „Ungarische Rhapsodie Nr. 2“ von Franz Liszt bildet einen gebührenden Abschluss für diesen Abend. Eine rasante Tom&Jerry-Jagd, die in großer Begeisterung endet.
Der sympathische Amerikaner lächelt zufrieden und lehnt während des lang anhaltenden Beifalls lässig am Steinway, die Hand anerkennend auf dem Flügel ruhend. Dass bei diesem Konzert Sitzplätze frei blieben, ist eigentlich ein kleiner Skandal und ein Versäumnis für alle, die nicht dabei waren!
Zurück bleibt Hochachtung:
Lebenslauf
Tzimon Barto präsentiert einem weltweiten Publikum immer wieder dynamische und begeistert kommentierte Konzerte.
Seit seinen Auftritten als Dirigent beim Spoleto Festival und als Pianist im Wiener Musikverein und bei den Salzburger Festspielen auf Einladung von Herbert von Karajan trat er in Europa, USA und Asien mit nahezu allen führenden Orchestern auf und kann als einziger Amerikaner der jüngeren Generation auf eine ausserordentliche Karriere auf beiden Seiten des Atlantik blicken. Für seine eigenwilligen Klavierabende wird er ebenso geschätzt wie als Kammermusiker.
Geboren und aufgewachsen ist Tzimon Barto in Florida. Er begann seine Klavierstudien unter Anleitung seiner Grossmutter als Fuenfjähriger, lernte als Teenager an der Musik Fakultät des ‘Rollins College’/Orlando und ‘Brevard Music Center’, studierte von 1981 bis 1985 an der New Yorker ‘Juilliard School of Music’ und war Schüler der legendären Klavierlehrin Adele Marcus. Er gewann die ‘Gina Bachauer Piano Competition’ in zwei aufeinanderfolgenden Jahren, für seine Leistungen als junger Dirigent, wurde vom Tanglewood Institute als ‘Most Outstanding Student’ ausgezeichnet und arbeitete als ‘coach’ und ‘conducting fellow’ am ‘American Opera Center’.
Tzimon Barto ist Musiker und Schriftsteller. Sein erstes Buch, das 30 Gedichte als Auszug aus seinem 3667 Segmente ‘schweren’ Gesamtwerke (‘The Stelae’) enthält,
‘eine Frau griechischer Herkunft’ erschien 2001, weiter Veroeffentlichungen sind in Planung. Er beherrscht fünf Sprachen, liest Alt-Griechisch, Latein und biblisches Hebräisch und studiert Mandarin und Farsi. Er ist mit der Malerin Gesa Barto verheiratet und Vater eines Sohnes, Ori.
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