
„Hut ab, ihr Herren, ein Genie!“
Frédéric Chopin zum 200. Geburtstag
Zahlreiche Chopin-Konzerte, -Dokumentationen und -Porträts lassen heuer keinen Zweifel darüber aufkommen, dass der polnisch-französische Komponist, Pianist und Pädagoge auch heute noch zu den ganz Großen zählt. Seine Klaviermusik ist aus der Musikgeschichte und den Konzertsälen nicht mehr wegzudenken. Allein in Polen wird das Klavier-Genie 2010 mit rund 2000 Veranstaltungen gefeiert!
Der Umfang seines Klavierschaffens ist gewaltig, weshalb wir uns hier auf einen Blick über das Gesamtwerk und auf seine bevorzugten Komponierformen beschränken: Sonaten, Etüden, Préludes, Nocturnes, Balladen, Scherzi, Impromptus, Mazurkas, Polonaisen und natürlich Walzer.
Über ihn
1810 als Sohn einer polnischen Mutter und eines französischen Vaters im Herzogtum Warschau geboren, begann Fryderyk – oder Frycek, wie ihn Familie und Freunde nannten - bereits mit 6 Jahren systematisch Musik zu studieren und öffentlich aufzutreten. Sein entscheidender Lehrer am Konservatorium in Warschau war Joseph Xaver Elsner.
Da die Chopins großen Wert auf die polnischen Traditionen legten, hatten der Patriotismus seiner Umgebung und die Volksmusik enormen Einfluss auf sein Talent und seine späteren Kompositionen.
Ab 1825 entstanden seine ersten Kompositionen und 1827 - 1830 begann sich seine Virtuosenkarriere über den Wunderkind-Status hinauszubewegen, von Warschau nach Wien und schließlich nach Paris. In den nächsten zwanzig Jahren seines – obwohl wie viele Genies von schwächlicher Natur und labiler Gesundheit - außerordentlich aktiven Lebens komponierte, konzertierte und unterrichtete er und wurde in ganz Europa berühmt. Er reiste ausgiebig und befreundete sich mit hervorragenden Musikern seiner Generation, wie Franz Liszt und Vincenzo Bellini.
Da er Menschenansammlungen hasste, wurde er in Paris zum Zentrum des Klavierspiels in den intimen Salons, während zur gleichen Zeit Franz Liszt große Säle füllte. Chopin war ein gesuchter Lehrer, was für ihn, der keine öffentlichen Konzerte gab und der dennoch einen aufwendigen Lebensstil führte, eine wichtige Erwerbsquelle war.
13 Jahre lang litt Chopin an der später zum Tod führenden Tuberkulose. Um seine Beschwerden zu lindern reiste er mit seiner langjährigen Gefährtin, der Dichterin und Frauenrechtlerin George Sand nach Mallorca, doch der regnerische Winter verschlimmerte seinen Zustand nur noch mehr. Zwei Jahre vor seinem Tod verließ ihn die Dichterin.
Oft traurig und von Heimweh geplagt, sollte Chopin nie mehr nach Polen zurückkehren. Seine Sehnsucht weinte er auf dem Klavier aus.
Fryderyk Chopin starb am 17. Oktober 1849. Begraben wurde er auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise, aber sein Herz kehrte, gemäß dem letzten Wunsch des Komponisten, nach Warschau zurück.
Über seine Klaviermusik
Nach der Ära Beethoven war es das Pianisten-Komponisten-Dreigestirn Chopin, Schumann und Liszt, das dem Instrument Klavier neue Maßstäbe entlockte. Was Chopin jedoch vom gleichaltrigen Schumann oder dem nur ein Jahr jüngeren Liszt deutlich unterscheidet, ist die totale Dominanz des Klavierschaffens: Er schrieb ausnahmslos für (und einige wenige Werke mit) Klavier.
Als der 20jährige Chopin im November 1830 Warschau verließ, war er bereits ein vollendeter Virtuose und ein fertiger Komponist. Geprägt durch die polnische Heimat, geschult an Bach und Mozart und getragen von der Atmosphäre der Pariser Salons war es ihm bestimmt, einen neuartigen Klavierstil zu schaffen. Er nimmt mit seiner Harmonik Wagner voraus und beherrscht eine unglaublich souveräne Melodik und Figurationstechnik. Chopins Musik ist poetisch, von müheloser Virtuosität und unvergleichlicher Brillanz, dabei jedoch nie oberflächlich. Er lebte im Spannungsfeld zwischen expansiver Psyche und gebrechlicher Physis, zwischen der Sehnsucht nach der fernen Heimat und der für ihn lebensnotwendigen Pariser Gesellschaft. Diese Spannungen finden sich auch in seiner Musik wieder: von kraftvollen Folklore-Elementen bis zur Eleganz des Salons, von Melancholie und Schwermut bis zur unbändigen, stets neu aufflammenden Energie und Leidenschaft.
Die Tatsache, dass die Schönheit und Harmonie von Chopins Werken wesentlich auch aus einer - bewussten oder unbewussten - Proportionierung und Logik des formalen Denkens resultiert, soll den Wert seines Werkes aber nicht schmälern.
In seiner genialischen, fast manischen Einseitigkeit ist das Werk Chopins in der neueren Musikgeschichte einmalig. Keiner der Helden des Klaviers, auch Liszt nicht, hat auf die Nachwelt so gewirkt wie Chopin mit seinem Klavierwerk.
Angefangen von Robert Schumann - der ihn noch zu seinen Lebzeiten mit dem berühmt gewordenen Satz „Hut ab, ihr Herren, ein Genie!“ huldigte - und Franz Liszt (s. Polonaisen, Consolations etc.), zehrten u.a. Größen wie Grieg, Skrjabin, Rachmaninov, Szymanowski, Fauré, Debussy und Ravel von seinem neuen Klavierstil.
Über seine bevorzugten Formen
Sonaten
Innerhalb des umfangreichen Schaffens von Chopin finden sich nur wenige Werke in Sonatenform.
Er schuf nur drei Klaviersonaten, alle viersätzig, die jedoch zu den bedeutendsten Schöpfungen des Meisters gehören - v.a. die letzten beiden - und daher mindestens gleichberechtigt neben den beiden Klavierkonzerten stehen. Die besagten letzten beiden Sonaten entstammen dem fruchtbarsten Schaffensjahrzehnt des Künstlers, den Jahren 1837 - 47.
Während die Sonate c-Moll op. 4 (1827/28) als Erstlingswerk noch sehr stark vom Einfluss des Lehrers Elsner geprägt ist, sind die Sonate b-Moll op. 35 - mit den berühmten 3. Satz Marche funèbre, dem Trauermarsch - und die fünf Jahre vor seinem Tod komponierte Sonate h-Moll op. 58 (1844) voll "ausgereifte" Chopin-Schöpfungen (1837-39).
Etüden
Chopin hat sich seine virtuose Klaviertechnik im Großen und Ganzen selbst erworben. Dementsprechend neu und unkonventionell fallen auch seine Etüden (Übungsstücke) aus, die er vorwiegend für den Eigengebrauch komponierte. Der große Unterschied von Chopin zu Vorgängern wie Clementi oder Cramer besteht darin, dass seine Etüden nicht nur zweckdienliche Studien für bestimmte technische Schwierigkeiten sind, sondern zugleich auch klangpoetische Stücke mit musikalischer Eigendramaturgie. Sie sind Technik- und Ausdrucksstudien, worin zugleich ihr Zauber und ihre Problematik liegen.
Bereits seine ersten Etüden könnten in Details und Form vom reifen Meister stammen. Sie sind romantische Charakterstücke, die für die Geschichte der Klaviervirtuosität einen Markstein bilden.
24 seiner 27 Etüden, in zwei Heften zu je zwölf gebündelt (op. 10 und op. 25), schrieb Chopin zwischen 1829 und 1836. Obwohl es einige Querverbindungen gibt, kann man nicht von Zyklen sprechen, weshalb auch eine zyklische Aufführung kaum im Sinne Chopins gewesen wäre.
Vorherrschend ist die dreiteilige Liedform und rasche Stücke haben oft einen langsamen Mittelteil. Kompositorisch bestehen sie meist aus nur einem Thema bzw. einem Motiv. Einige Etüden waren beliebter als andere, was dazu führte, dass man ihnen Namen gab (die nicht von Chopin stammten). Die bekannteste ist wohl die "Revolutionsetüde" (op. 10/12).
Préludes
Neben zwei Einzelstücken sind die bedeutendsten Préludes der Zyklus von 24 Stücken op. 28. Chopin hat ihn um 1836 begonnen und 1838/39 in Gesellschaft seiner Gefährtin George Sand auf Mallorca beendet. Er knüpft am Vorbild der Bachschen Präludien aus dem "Wohltemperierten Klavier" an, ohne es zu übernehmen. Das "Prélude" ist bei Chopin kein Vorspiel (wie z.B. bei Mendelssohn), sondern ein Phantasiestück. Auch die Préludes bestehen wie die Etüden Chopins aus einem Kernmotiv, das in einfachen zwei- oder dreiteiligen Liedformen verarbeitet wird.
Die Préludes führen wie bei Bach systematisch durch alle Tonarten, wobei die Stücke erst nachträglich in ein Tonarten-Schema gebracht wurden; abweichend von Bach folgend sie einander nicht chromatisch, sondern nach dem Quintenzirkel mit jeweils nachgestellter Moll-Parallele (zuerst die Kreuz- dann die b-Tonarten). Jedes Prélude kann im Grunde allein stehen, doch durch die Tonartenverwandtschaft und die weise Dramaturgie des Kontrastes und der Ausdrucksnähe wird op. 28 auch berechtigt und gerne als ganzes Werk aufgeführt.
Der Chopin-Verehrer Robert Schumann sagte über die Préludes und ihren Verfasser: "Er ist und bleibt der stolzeste Dichtergeist der Zeit. Auch Krankes, Fieberhaftes, Abstoßendes enthält das Heft, so suche jeder, was ihn frommt, bleibe nur der Philister weg". Schumann stellte aufgeregt fest, dass sich beim Hören der Préludes kaum ein Gefühl von Vertrautheit einstellte. Sie waren für die Rezipienten seiner Zeit ein völlig neues Hörerlebnis, jedoch auch eine große neue Erfahrung und ein großer Genuss.
Einen besonders hohen Bekanntheitsgrad besitzt das sog. "Regentropfenprélude" von dem George Sand behauptete, Chopin sei von an ein Fenster prasselnden Regentopfen inspiriert worden.
Nocturnes
Obwohl man Chopin lange Zeit vorwiegend mit dieser Gattung der "Nachtstücke" identifizierte, sind die Nocturnes eigentlich nicht seine Erfindung. Vor ihm hatte sie bereits der Ire John Field komponiert, stilistische Prototypen finden sich auch bei Franz Schubert (Impromptus, Moments musicaux). Doch war es mit Sicherheit Chopin, der diese Form zur Vollendung brachte. Chopin wählte, wie auch seine Vorbilder, ebenfalls die schlichte dreiteilige Liedform, deren Außensätze meist langsamer als der Mittelteil sind, ohne jedoch jemals starr zu wirken. Die Stimmungs- und Empfindungswelt der Nocturnes ist überaus vielschichtig und bieten Einblicke in eine romantische Seele. Vielen Stücken wohnt ein Hauch von Schwermut inne, manchen auch ein dämonisch-gespenstischer Aspekt. In keiner anderen Gattung lässt sich Chopin so stark von der Gesangskunst und ihren Verzierungen leiten wie bei den Nocturnes. Im Grunde begleitet die linke, den Takt haltende Hand (mit weichen, wiegenden Arpeggien oder Akkorden) den Gesang der frei "singenden" rechten Hand. Chopin war also auch ein wunderbarer Liedschöpfer!
Balladen
Außer in den vier Balladen hat Chopin selten literarische Anregungen in seinen Kompositionen verarbeitet. Schon als Kind hat er über polnische Heldenlieder und Sagen improvisiert und später war sein Salon in Paris Treffpunkt polnischer Emigranten. Da Chopin erst in Paris Balladen zu komponieren begann, verschafft sich in ihnen vermutlich sein Heimweh ihren Ausdruck. Das Hängen an der fernen Heimat ist auch formal erkennbar am erzählenden 6/4- oder 6/8-Metrum des altpolnischen Tanzliedes "Ballata".
Scherzi
Die Form des Scherzos (schneller 3/4-Takt und Trio-Mittelteil) entlehnte Chopin den Sinfonien und Sonaten Beethovens, übernahm jedoch nicht ihre humorige Gestaltung. So wirkt das erste seiner insgesamt vier Scherzi in h-Moll op. 20 mehr grimmig oder bedrohlich als lustig. Zugänglicher und populärer ist das zweite Stück (b-Moll op. 31), das auch für den Pianisten dankbarer zu spielen ist. Das ebenfalls vielgespielte cis-Moll-Scherzo op. 39 erhielt den Beinamen "...mit dem Engel-Chor", das vierte op. 54 wird aufgrund seiner Klangpoesie gerne mit Mendelssohns "Sommernachstraum-Ouvertüre" und Webers "Oberon" verglichen.
Impromptus
Für diese von Franz Schubert eingeführte Gattung schuf Chopin vier Beiträge, die v.a. von spielerischer Eleganz bestimmt werden. Die Gattungsbezeichnung stammt vom lateinischen "In promptu esse" ("zur Hand sein"), womit man es als "Stegreif-Stück" bezeichnen könnte. So kommt auch in Chopins Impromptus innerhalb seines Schaffens die improvisierende Wirkung am meisten zur Geltung.
Mazurkas
Unter den drei Tanzformen, für die Chopin wesentliche Stücke komponierte, muss die Mazurka wohl als erste genannt werden. Zum einen, weil sie mit fast 60 Werken zahlenmäßig überwiegt, und zum anderen, weil sie die Persönlichkeit des Komponisten am unmittelbarsten zum Ausdruck bringt. Die Mazurka umspannt sein Schaffen - von ersten Versuchen in der Kindheit bis hin zu op. 68/4, seiner letzten Komposition überhaupt!
Verglichen mit Walzer und Polonaise ist die Mazurka sicher die polnischste Gattung, die auf eine Volkstanzform zurückgeht. Im Gegensatz zur männlicheren Polonaise zeigt sie auch weibliche und liebliche Züge. Alle Mazurkas stehen in federndem 2/3-Takt. Chopin fasste meist drei oder vier Stücke zu einem Opus zusammen.
CD-Tipp: Anna Gourari “THE MAZURKA DIARY” (EDEL 2010)
Polonaisen
Wie die Mazurkas sind auch Chopins Polonaisen klingende Bekenntnisse zu seiner Heimat, mit - im Gegensatz zu den Walzern - nur leichten Anklängen der Salonkultur. Sie wirken kraftvoll, heroisch und männlich. Die Polonaise ist eine Verschmelzung aus Marschcharakter, Elastizität und Festlichkeit und war einst ein Repräsentationstanz ("Schreittanz") für polnische Magnaten. Aufgrund dieser Herkunft hat Chopin angegeben, die Polonaise nicht zu schnell anzulegen (weshalb er die Unterteilung des obligatorischen 3/4-Taktes in Achtel empfohlen hat).
Walzer
Für Chopin war die Form des Walzers keine Volks- oder Unterhaltungsmusik (wie etwa bei Strauß), sondern spiegelte die Kultur des Salons wider: abendliche Feste, höfliche Gesten, wirbelnde Paare - alles in vornehmer Distanz und unter Bändigung des Gefühls. Viele Walzer sind ähnlich den Polonaisen ausdrücklich "brillant" und konzertant gehalten und auch so vorzutragen. Die Doppelbödigkeit der Nocturnes wird man bei ihnen jedoch nicht finden.
Zweifellos gehören die Walzer zu Chopins populärsten Werken und einige von ihnen haben klingende Namen erhalten (z.B. der Minuten-Walzer).
Unter den Gesamtaufnahmen der 19 Walzer sind die zwei Aufnahmen von Arthur Rubinstein und die Aufnahmen von Dinu Lipatti und Cyprien Katsaris hervorzuheben.
Bekannte Chopin-Interpreten (geordnet nach Geburtsdaten):
Alfred Cortot (1877-1962, Lausanne)
Arthur Rubinstein (1887-1892, Polen)
Claudio Arrau (1903-1991, Chile)
Vladimir Horowitz (1904-1989, Russland)
Svjatoslav Richter (1915-1997, Ukraine)
Vladimir Ahskenazy (*1937, Russland) Chopin-Wettbewerb: 1955 (2. Platz)
Idil Biret (*1941, Türkei)
Martha Argerich (*1941, Argentinien) Chopin-Wettbewerb: 1965 (1. Platz)
Maurizio Pollini (*1942, Italien) Chopin-Wettbewerb: 1960 (1. Platz)
Krystian Zimerman (*1965, Polen) Chopin-Wettbewerb: 1975 (1. Platz)
Ivo Pogorelich (*1958, Kroatien)
Rafal Blechacz (*1985, Polen) Chopin-Wettbewerb: 2005 (1. Platz)
Veranstaltungs-Highlights
VI. Inernationales Musikfestival „Chopin und sein Europa 2010“,
1. – 31. August 2010, Warschau
XVI. Internationaler Chopin-Klavierwettbewerb, 2. – 23. Oktober 2010, Warschau
© SIA
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Mehr Infos
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