




Klaviermusik von Joseph Haydn
lautet die Inschrift auf dem Gedenkstein, der heute im ehemaligen Hundsturmer Friedhof (heute Haydnpark) an die erste Grabstätte Joseph Haydns, bevor dieser in der Bergkirche in Eisenstadt überstellt wurde, erinnert. Und wie recht hatte er damit!
Durch seine fast unüberschaubare Fülle an Werken – u.a. 104 Sinfonien, über 70 Streichquartette, Opern, Kirchenmusik und zahlreiche Klavierwerke, davon allein 32 Klaviersonaten - ist er in unseren Gedanken und Herzen unsterblich geworden und heuer, im Haydnjahr 2009, scheinbar lebendiger denn je.
Lange Zeit über wurde das Klavierwerk von Joseph Haydn allenfalls als Fußnote zu den Klaviersonaten Mozarts betrachtet und ihm weitergehende Wertschätzung verweigert. Oftmals kommt den Sonaten Haydns noch heute die etwas undankbare Rolle des ersten Stückes in einem Recital zu. In den folgenden Zeilen wollen wir die Aufmerksam daher genauer darauf richten.
Die Entstehung von Haydns Klavierwerk
Haydn war zwar kein Klaviervirtuose wie Mozart oder Clementi, doch ein erfahrener Pianist und Organist, der am Tasteninstrument unterrichtete, improvisierte und komponierte. Seine Sonaten sind in einer Zeit des Übergangs vom Cembalo und Clavichord zum Pianoforte entstanden. Die frühen Kompositionen, einschließlich der Sonaten Hob. XVI: 21-32, gelten als Cembalowerke, auch wenn die zeitgenössischen Verleger sie alternativ als Klaviersonaten ankündigten. Der gesteigerte Ausdruck in den 1780 publizierten Sonaten Hob. XVI: 35-39 legt die Vermutung nahe, dass die
Kompositionen für das Hammerklavier geschrieben wurden, zumal Haydn sich in den 80er Jahren zunehmend für das neue Instrument interessierte.
Die 1784 veröffentlichten Sonaten Hob. XVI: 40-42 wurden erstmals von mehreren Verlegern allein für das Pianoforte angekündigt. Haydn selbst hat vermutlich bereits Mitte der 80er Jahre ein Hammerklavier besessen. 1788 rühmte er die Vorzüge seines neuen, von dem Wiener Klavierbauer Wenzel Schanz gefertigten Instruments, für das er auch die 1790 entstandene Sonate Hob. XVI: 49 komponiert hat. Die drei letzten Sonaten Hob. XVI: 50-52 wurden aufgrund ihres erweiterten Umfangs und der Verwendung des Pedals offenbar für die neuesten Hammerflügel der Londoner Firma Broadwood geschrieben.
„Historische“ Einspielungen
Vertreter der „historischen“ Aufführungspraxis berücksichtigen heute zunehmend die unterschiedlichen Besetzungen von Haydns Klavierwerken. Cembalisten wie Lars Ulrik Mortensen und Gerhard Kirchner haben sich vorzugsweise den frühen Sonaten gewidmet. Ende der 60er Jahre legte Ingrid Haebler erstmals eine Einspielung der Sonaten Hob. XVI: 35-39, 20 auf einem nachgebauten Hammerklavier vor. In jüngerer Zeit ist ihr vor allem Andreas Staier darin gefolgt, der darüber hinaus die Sonate Hob. XVI: 49 sowie die Variationen Hob. XVII: 6 und Hob. XVI: 3 auf dem Hammerflügel eingespielt hat. Staiers ausdrucksstarke Interpretationen bringen unserem an den modernen Klavierklang gewöhnten Ohr näher, wie sehr der Klang von historischen Instrumenten mit dem Wesen von Haydns Musik verbunden ist.
Der Wiener Pianist und Musikwissenschaftler Paul Badura-Skoda hat sich ungewöhnlich früh in seiner Musikerlaufbahn der historischen Aufführungspraxis zugewendet. Sein spezielles Interesse galt hier vorrangig Schubert, Mozart und Beethoven, aber eben auch Joseph Haydn. 1962 hat Badura-Skoda die „Englische Sonate“ Hob. XVI: 52 und die f-Moll-Variationen Hob. XVII: 6 auf einem originalen Broadwood-Hammerflügel von 1795 aufgenommen.
„Moderne“ Einspielungen und große Haydn-Interpreten
1974 spielte Rudolf Buchbinder, der Haydn auch in seinen Konzerten immer wieder Platz einräumt, eine beachtliche Gesamtaufnahme von Haydns Klavierwerken auf dem modernen Steinway-Flügel ein.
Einige Jahre zuvor begannen bereits zahlreiche Haydn-Aufnahmen von Alfred Brendel.
Seit den 90er Jahren mehren sich die Einspielungen auch bekannter Pianisten wieder, so zum Beispiel von Andras Schiff, Ivo Pogorelich und dem russischen Pianisten, Dirigenten und Haydn-Liebhaber Mikhail Pletnev.
Auch der norwegische Pianist Leif Ove Andsnes widmet sich dem oft vernachlässigten Komponisten. Vor allem seine 1999 bei EMI aufgenommene Haydn-Einspielung straft den Ruf der Langweiligkeit, der den Klaviersonaten manchmal zugeschrieben wird, Lügen und rührt angesichts solchen Ohrenschmauses wohl eher von interpretatorischen Unzulänglichkeiten her als von Mängeln des musikalischen Materials. Dass einige Werke Joseph Haydns es durchaus mit den Klaviersonaten Mozarts an musikalischem Einfallsreichtum aufnehmen können, ist durch diese frische und lebendige Einspielung Andsnes’ eindrucksvoll dokumentiert.
Gerade die großen Virtuosen-Pianisten haben sich immer wieder für die Aufnahme von Haydns Klaviersonaten in ihre Programme entschieden, so etwa Svjatoslav Richter, Vladimir Horowitz oder eben Alfred Brendel, für den die Wiener Klassik seit jeher zentraler Repertoire-Schwerpunkt war. Gerade in den letzten Jahren vor seinem Bühnenabschied rückten Haydn und Mozart in seinen Konzerten immer mehr in den Vordergrund.
„Die Phantasie spielt mich, als wäre ich ein Klavier“
lautet ein überlieferter Satz aus Haydns späten Lebensjahren, in denen seine Schaffenskraft noch immer ungebrochen war.
Wie gut für uns, dass es so war!
© SH
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