07.02.2012
Stefan Knüpfer mit den Teilnehmern am Flügel
Stefan Knüpfer erklärt den Teilnehmern seines Workshops
die Funktion der Mechanik

REIHE: Klavierbau und Klavierklang -

Workshop mit Steinway in Austria-Cheftechniker
Stefan Knüpfer


Im letzten Teil unserer Reihe „Klavierbau und Klavierklang“ haben wir über die Wichtigkeit der Einstellung der Mechanik (Regulierung) nicht nur für eine optimale Energieübertragung, sondern auch für das klangliche Gesamtbild des Instrumentes gesprochen. Im vierten Teil widmet sich Stefan Knüpfer nun dem nächsten Schritt: der Intonation der Hammerköpfe. 


Teil 4: Die Intonation

Stefan Knüpfer erzählt im Steinway-Technikcenter Wien den Teilnehmern seines Workshops:  

Die Intonation selbst, also die Bearbeitung der Hammerköpfe, macht nur 15 bis 20 % des technischen Aufwands bei einem Flügel (oder Piano) aus. Die Basis für die Energie, die der Hammerkopf erhält, kommt wie schon erwähnt von der Mechanik. 

Bei der Bearbeitung des Klaviers geht der Techniker also in folgender Reihenfolge vor:

  • Regulierung der Mechanik
  • Intonation der Hammerköpfe
  • Stimmung
Man muss für den Klang, den man erreichen will, beim Regulieren schon wissen bzw. beachten, was man machen muss, damit dieser Klang am Ende auch herauskommt. Der Techniker muss also viel „vorhersehen“ und gut abstrahieren können.


Stefan Knüpfer beim Intonieren der Hammerköpfe


Die Hammerköpfe

Ein dumpfer, mumpfiger Ton entsteht, wenn die Hammerköpfe an Spannung und Elastizität verlieren, d.h. wenn sie seitlich nicht mehr federn.

Bei der Herstellung von Hammerköpfen wird kein gewöhnlicher Filz verwendet, bei dem die Fasern kreuz und quer verlaufen, sondern die Filze werden gekämmt und laufen alle in eine Richtung.
Auf ein Holztrapez (Kern des Hammerkopfs) wird Filz aufgespannt, wodurch die uns bekannte ovale Form entsteht. Der Filz wird um den Kern herumgezogen, wodurch er unter enormer Spannung ist (ohne Spannung würde der Hammerkopf keinen Ton erzeugen).
Wenn ich jetzt mit der Nadel hineinsteche, durchtrenne ich einige Fasern und die Struktur des Hammerkopfs verändert sich. Er wird dadurch an den Seiten elastischer (obwohl er sich oben verhärtet), lässt sich leichter komprimieren und fängt an zu federn. 

Wir haben im Verlauf des Workshops von verschiedenen Tönen/von Modulationen im Vergleich zu einem Keyboard geredet. Der physikalische Grund, warum ein Ton sich verändert wenn man dynamisch anders anschlägt, ist die unterschiedliche Berührungsdauer des Hammerkopfs an der Saite. Die Berührungsdauer eines elastischen, weichen Hammerkopfs ist länger als die eines sehr harten. Ein weicher Hammerkopf gibt über einen längeren Zeitraum Energie weiter, da er zu den Seiten hin federt.


Stefan Knüpfer vergleicht die Beschaffenheit der Hammerköpfe wie folgt:

Harter Hammerkopf (nach jahrelangem Spielen):
harter, kurzer Aufschlag auf der Saite
                      ● wirkt wie ein Stein, der gegen Glas geworfen wird (bricht) 
          
Weicher Hammerkopf:
längerer, elastischerer Aufschlag auf der Saite
                      ● wirkt wie ein Tennisball gegen Glas (federt zurück)

Genauso verhält es sich im Klavier:
Nach einigen Jahren Spielen federt der Hammerkopf nicht mehr, wird steinhart. Der Impuls wird zu stark für die Saiten (können reißen), für den Resonanzboden bzw. für das ganze Instrument (kann scheppern).

Man muss seitlich stechen, damit der Hammerkopf elastisch wird, aber immer noch hell - und nicht dumpf - klingt.

Ein Klavier verändert sich im Laufe der Zeit. Unter anderem wird der Resonanzboden elastischer/flacher, d.h. er braucht weniger Energie (über die Hammerköpfe), um in Schwingung zu kommen. Daher muss man bei einem alten Flügel die Hammerköpfe weich intonieren, da er sonst hart, metallisch klingt (zu viel Energie für den Boden).
Die Hammerköpfe müssen soviel Energie abgeben, dass dies zum Resonanzboden passt.


Was kann man bei alten Hammerköpfen machen?
Genau wie der Resonanzboden beginnt die Faser des Hammerkopfs ab 7-10 Jahren zu altern, dann hat das Stechen schon weniger Effekt (die Faser ist nicht mehr so elastisch). Bei einem 20 Jahre alten Flügel kann man durchs Stechen nichts mehr retten. Die Spannung ist draußen und man verändert durchs Reinstechen keine Fasern mehr. Man kann höchstens noch oben reinstechen, damit der Ton weicher klingt, aber von Modulation sind wir da weit entfernt.

Sie kennen sicher den Ausspruch von Technikern, die in ein altes Instrument schauen: „Die Hammerköpfe haben so starke Rillen, die ziehe ich Ihnen ab. Ist ja eh noch so viel Filz drauf.“
Das kann nicht funktionieren. Warum nicht?
Wenn man nur abzieht, bleibt der Hammerkopf steif. Er wird nicht mehr elastisch. In den meisten Fällen ist der Filz darunter – je weiter man zum Kern kommt – noch härter (ergibt harten Klang). Daher müsste ich anschließend wieder Intonieren/Stechen, um den Klang weicher zu bekommen. Das kann ich machen, in 15 Minuten sogar und sagen: jetzt ist er weich. Ich kann auch zwei Tage daran arbeiten, es wird nichts ändern.

Das Abziehen der Hammerköpfe ist nur sinnvoll, wenn man mit dem Intonieren/Stechen noch etwas erreicht. Abhängig davon, wie viel und wie intensiv man spielt, sprechen wir von den Zeiträumen: viel und kräftig 1-5 Jahre, wenig bis zu 15 Jahre.
In diesem Zeitraum hat der Filz noch genug Spannung und man kann Nachstechen, das muss aber vor dem Abziehen geschehen. Das Spielen beeinflusst massiv die Federkraft der Hammerköpfe (Vergleich Auto: es ist ein Unterschied für die Stoßdämpfer, ob man 100 km Autobahn oder 100 km Kopfsteinpflaster fährt).   

Was kann man also bei einem alten Instrument machen, bei dem die Filze keine Spannung mehr haben?

Kurzfristige Lösung
:
Ohne Abzuziehen kann man mit den Nadeln bei den Rillen, wo der Filz verhärtet ist, etwas auflockern. Der Nachteil: es hält nicht lange, weil es nicht reicht, oberflächlich aufzulockern, wenn dahinter keine Knautschzone ist. Knautschzone für einen guten Ton und für eine Haltbarkeit des oberen Bereichs bekommt man nur durch Intonieren an den Seiten bei Hammerköpfen, die noch Spannung haben. 

Langfristige Lösung
:
neue Hämmer. Diese werden dann nur soviel intoniert, wie nötig. Das hält ca. 5-7 Jahre, bevor der Ton etwas direkter wird. Dann kann man Nachintonieren, was jedoch kürzer hält als am Anfang (3-4 Jahre vielleicht). Danach kann man eventuell noch einmal Nachintonieren, das hält ca. 2 Jahre.
Dadurch, dass ich bei jeder Intonation Fasern durchtrenne habe ich immer weniger Fasern zur Verfügung, die die Arbeit machen. Der Hammerkopf ermüdet schneller.

Hier muss man Kosten-Nutzen genau abwägen, denn wenn Intonieren nicht mehr sinnvoll ist (z.B. bei einem 25 bis 30-jährigen Flügel), hält der Effekt nur sehr kurze Zeit an.


Zusammenfassung:
Die Intonation soll so gemacht werden, dass die Hammerköpfe elastisch sind und trotzdem stark bleiben und nicht den Klang nehmen/steif werden.
Elastisch ist ein Hammerkopf dann, wenn er seitlich federt. Federt er seitlich nicht, ist er steif. 
Oben in den Hammerkopf hineinzustechen oder nur abzuziehen ist nicht zielführend bzw. nur eine kurzfristige Lösung.
Die Intonation ist nur nachhaltig, wenn seitlich intoniert wird.

Tipp:
Nicht zu viel stechen / so wenig wie möglich!
Je mehr Bearbeitung / Intonation, desto schneller ermüdet der Hammerkopf.


Mehr Infos

über die Möglichkeit, an einem Workshop mit Stefan Knüpfer teilzunehmen,
erhalten Sie bei Sonja Höchfurtner unter 0660 7040202 oder hoechfurtner@steinwayaustria.at


Fortsetzung folgt!


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