
REIHE:
Klavierbau und Klavierklang –
Workshop mit Steinway in Austria-Cheftechniker
Stefan Knüpfer
Im zweiten Teil unserer Reihe „Klavierbau und Klavierklang“, in der wir Ausschnitte aus einem Workshop mit dem Klaviertechniker Stefan Knüpfer präsentieren, geht es um das Herzstück eines Klaviers, das dieses erst zum klingen bringt: dem Resonanzboden.
Teil 2: Resonanzboden und Klang
Die Teilnehmer des Workshops, der im Jänner 2009 im Technikcenter in Wien stattgefunden hat, konnten „live“ die Reparatur des Resonanzbodens eines sehr alten Steinway-Flügels beobachten, und zwar:
- wie ein neuer Steg gemacht bzw. aufgesetzt wird
- wie Resonanzbodenrisse „geflickt“ werden.
Im ersten Teil dieser Reihe war schon die Rede von der Tonlänge - einem der objektiven Charakteristika für einen schönen Ton. Man muss sich folgendes vorstellen:
Der Steg, der auf dem Resonanzboden aufgeleimt ist, dient der Einspannung der Saiten, die darüber laufen. Aber er dient auch der Kraftübertragung von den Saiten auf den Resonanzboden. Das heißt das, was klingt in einem Klavier bzw. Flügel, ist nicht die Saite und ist nicht der Hammerkopf. Einen Ton kann man am Hammerkopf verändern, das schon, aber ob das Instrument prinzipiell klingt oder nicht, hängt nicht von den Hammerköpfen ab.
Ein Beispiel:
Stellen Sie sich ein ganz billiges Klavier vor und dann nehmen Sie einen Satz Steinway-Hammerköpfe, die für uns im Einkauf genauso viel kosten wie dieses billige Klavier, und bauen ihn in das Klavier ein: dann müsste das Instrument klingen (wenn der Klang vom Hammerkopf abhängen würde). Tut er aber nicht. Man würde den Unterschied, dass teure Steinway-Hammerköpfe eingebaut wären, nicht einmal hören.
Resonanzboden: Dicke und Druck
Niemand weiß genau, wie hoch der Druck auf den Resonanzboden wirklich ist:
Bei einem Konzertflügel ist er nach meinen eigenen Berechnungen ungefähr 400 kg. Ein Physiker, Wissenschaftler aus Amerika, den ich an der Uni Wien getroffen habe, meinte es wären 1.000 kg, also 1 Tonne. Irgendwo dazwischen wird es sich bewegen.
Was bedeutet das nun?
Man muss sich vorstellen, dass der Resonanzboden bei einem Konzertflügel ungefähr 10 mm Dicke hat in der Mitte (zu den Rändern hin weniger). Er ist so weich, dass man ihn mit der bloßen Hand runterdrücken kann, und gleichzeitig muss er an die 500 Kilo Gegendruck leisten.
Ich werde immer wieder gefragt, warum ein Flügel im Konzertbetrieb (!) „nur“ 25 – 30 Jahre hält. Es liegt daran, dass er diesen hohen Druck bekommt von oben – Tag und Nacht, ob man drauf spielt oder nicht - und dass der Boden ganz langsam immer weiter nach unten geht, da Holz ja ein organisches Material ist. Wenn der Boden flacher wird, verliert der Flügel an Strahlkraft.
- Stefan Knüpfer zeigt mit beiden Händen, die sich an den Spitzen der Mittelfinger
berühren, beide Handflächen nach unten, eine schöne, große Wölbung:
Dieser Flügel produziert einen unglaublich voluminösen, tragenden Ton
(große Amplitüde).
- Stefan Knüpfer zeigt eine Wölbung, die wesentlich flacher ist:
Dieser Flügel produziert einen sehr singenden, reinen, warmen Ton, aber niemals so
voluminös, kräftig und nach außen orientiert wie ein ganz neuer Flügel mit stark
gespanntem bzw. gewölbtem Resonanzboden.
Vergleich Geige-Klavier
Eine Geige hat eine Deckendicke von 3-4 mm und muss einem Druck von ca. 10 kg von den Saiten entgegenwirken.
Ein Flügel oder Klavier hat eine Resonanzbodendicke von 7-10 mm und muss ca. 500 kg tragen. Umgerechnet auf die Geige wären das locker 200 kg, die das Gehäuse der Geige aushalten müsste. Was der Resonanzboden aushalten muss, ist eine physikalische Grenzwanderung!
Umgerechnet: wenn wir eine Geige haben mit einem Saitendruckgewicht von ca. 10 kg, müsste die Deckendicke der Geige - verglichen mit einem Flügel- so dünn wie halbes (!) Seidenpapier sein. Das kann nicht halten!
Der Resonanzboden muss aber so dünn sein, wie er ist, damit er schwingen kann und klingt. Wäre er dicker, würde der Flügel nicht bzw. weniger klingen.
Tonlänge
Ein Charakteristikum für einen schönen Ton ist ein langer Ton. Ein langer Ton kann nur dann produziert werden, wenn der Resonanzboden gewölbt ist und eine Kraft von oben (die Kraft der Saiten) aufnehmen kann, die ihn zum Schwingen bringt. Wäre diese Kraft zu groß, würde der leicht nach oben gewölbte Resonanzboden durchbrechen, d.h. nach unten sacken und nicht wieder nach oben kommen. Wäre die Kraft zu gering, würde der Resonanzboden nicht in Schwingung versetzt werden, d.h. das Instrument würde nicht klingen. Der Resonanzboden ist tatsächlich so flexibel, dass er sich beim Anschlag der Saite hinunter und wieder hinauf bewegt.
Das, was die Saite drückt, und das, was der Boden als Gegendruck hat, muss 100%ig im Gleichgewicht sein für einen schönen langen Ton. Wenn zwischen diesen beiden Kräften kein Gleichgewicht herrscht, hat das Instrument einen kurzen, unterdrückten Ton.
Wie bei einer Küchenwaage, die nur pendelt, wenn auf beiden Waagschalen genau das gleiche Gewicht darauf liegt (ist eine Seite schwerer, ist deren Waagschale unten und es schwingt nicht mehr), schwingt auch der Resonanzboden nur dann lange, wenn die zwei Faktoren (Kraft von oben, Gegenkraft des Flügels) 100%ig im Gleichgewicht sind.
© SIA
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Mehr Infos
über die Möglichkeit, an einem Workshop mit Stefan Knüpfer teilzunehmen, erhalten Sie
bei Sonja Schmid unter
anmeldung@steinwayaustria.at