23.02.2012
Ernst Krenek
Ernst Krenek

Das Ernst Krenek Institut in Krems
Das Krenek-Institut in Krems


Gladys Krenek
Gladys Krenek

Florian Schönwiese, Gladys Krenek, Stanislav Khristenko
Florian Schönwiese, Gladys Krenek und Stanislav Khristenko im Steinway-Haus Wien


 

Ernst Krenek – ein Musik Denkender


Was die 86-jährige Gladys Krenek (Witwe von Ernst Krenek) und den 27-jährigen Pianisten Stanislav Khristenko verbindet, ist vor allem die Liebe zu Kreneks Musik und das Bemühen, sein reiches Vermächtnis nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.
Die aktuelle CD-Produktion des jungen Pianisten mit Klavierwerken von Ernst Krenek nehmen wir zum Anlass, um den bedeutenden Komponisten und Schriftsteller ins Visier zu nehmen und an seine Verdienste in der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts zu erinnern.

Steinway in Austria traf die beiden Persönlichkeiten gemeinsam mit Florian Schönwiese, dem Generalsekretär und Geschäftsführer der "ernst krenek institut privatstiftung krems", im Steinway-Haus Wien zu einem Gespräch u.a. über Kreneks Werk, sein Leben, seine Philosophie, die Möglichkeiten und Grenzen des Komponierens und über die "Neue Musik" einst und jetzt.



Im Gespräch mit Gladys Krenek


Frau Krenek, war Ihr Mann mehr ein österreichischer oder mehr ein amerikanischer Komponist? 
Ich denke, er ist im Laufe seines Lebens mehr ein Weltbürger geworden, denn wie Sie wissen lebte er bis 1938 in Österreich und ging während des Krieges nach Amerika. Nach 1945 ist er immer wieder hierher gekommen, aber nie ganz zurückgekehrt, vor allem aus finanziellen Gründen, nicht weil er Ressentiments gegen das Land gehabt hätte. Sein Herz war immer österreichisch und er ist immer Österreicher geblieben!

Es gibt ein Ernst-Krenek-Institut in Wien, einen Krenek-Preis, ein -Archiv und eine -Gesellschaft in den USA und sie selbst unterstützen die Ernst Krenek Privatstiftung mit dem Forum (Anm.: Museum) in Krems. Finden Sie das umfangreiche Oeuvre Ihres Mannes heute ausreichend gewürdigt?
Nein überhaupt nicht.
Daher auch Ihre Bemühungen um mehr Anerkennung seines Werkes.

Ja. Die Ernst-Krenek-Stiftung in Krems ist eine sehr große Hilfe und setzt sich sehr für das Vermächtnis meines Mannes ein, und ich tue in Amerika so viel ich kann in der „Ernst Krenek Society“. Aber die Stadt Wien muss ich sagen tut sehr, sehr wenig. Immer weniger habe ich den Eindruck. Ich bin nicht ständig hier, aber was ich lese und sehe ist sehr arm. Er hat viele fantastische Opern geschrieben und niemand interessiert sich hier dafür. „Pallas Athene weint“ zeigt zum Beispiel, wie leicht die Demokratie verloren gehen kann – ist also ein immer noch aktuelles Thema - und war fast so erfolgreich wie die Oper „Jonny spielt auf“. 1933 kam Krenek auf die schwarze Liste der Nationalsozialisten und „Pallas Athene weint“ wurde nach dem Krieg nur einmal in Deutschland aufgeführt. Kein Interesse, obwohl es ein ganz tolles, tonales Werk ist! „Karl V.“ wurde an der Wiener Staatsoper nur einmal 1984 aufgeführt, und das auch von einem Amerikaner – Lorin Maazel. Dabei ist der Inhalt ein Teil der Österreichischen Geschichte und müsste doch eigentlich interessieren!
Ich bin traurig für Ernst Krenek wegen seiner geringen Anerkennung heute in Österreich, außer im Ernst-Krenek-Institut.   

Die Frage ist, warum das so ist. Ist die Zeit für Neue Musik einfach noch nicht reif oder woran liegt es, dass die meisten heutigen Konzerte noch immer Mozart- und Beethoven-dominiert sind?
Das war fast immer so. Hier in Wien ist nur das Konzerthaus eine Ausnahme, immerhin. Wissen Sie, dass Salzburg noch nie eine Krenek-Oper aufgeführt hat? Es gab einmal Ausschnitte von „Jonny spielt auf“ und „Karl V.“ konzertant, und das war’s. Ich denke so ein Ort wie Salzburg sollte Krenek aufführen! Es interessiert mich vom psychologischen Standpunkt aus, warum es an so einem großen Genie – und das sage nicht nur ich, sondern wichtige Persönlichkeiten – kein Interesse in Österreich gibt. Ich finde, er ist genau so wichtig wie Mozart und er hat eine Ähnlichkeit mit ihm – auch in seiner Art zu komponieren: Er denkt nicht über Musik, er denkt Musik. Das wird sicher eines Tages ans Licht kommen. Heute gibt es eine „Untergrundbewegung“ aus verschiedenen Leuten, die die Bedeutung von Ernst Krenek verstehen und diese erweitert sich. Viele junge Leute und Dirigenten in Deutschland sind ganz fanatisch mit seinen Werken. Aber das sind eben nur kleine Schritte.

Könnte die schwierige oder schleppende Rezeption der Neuen Musik – oder etwa vieler Komponisten des 20. Jahrhunderts, die gar nicht mehr so neu wären – auch mit einem Versäumnis in der Musikerziehung zu tun haben?
Florian Schönwiese: Das wird einer der Gründe sein. Ein weiterer Grund bei Krenek ist, dass seine Kompositionen bei 20 verschiedenen Verlagen verlegt sind und es nicht einen weltweit zuständigen Verlag gibt, der für ihn Lobbying-Arbeit macht.
Gladys: Das ist ein sehr wichtiger Punkt!
Florian Schönwiese: Jene Komponisten, die heutzutage erfolgreich sind, haben alle einen großen Verlag im Hintergrund.
Gladys: Ich habe viele Copyrights zurückgekauft und die Verlage immerhin auf fünfzehn reduziert. Bei Hindemith zum Beispiel funktioniert das besser. Es gibt einen Witz darüber:
Jemand fragt Ernst Krenek „Wo kann ich Ihre Viola-Sonate kaufen?“ und Krenek antwortet: „Ach, lassen Sie mich damit in Ruhe! Spielen Sie lieber Hindemith – alles ist bei Schott!“

War es schwer für Sie, den Nachlass Ihres Mannes herzugeben?
Nein. Ich habe nach seinem Tod darum gekämpft, dass alle seine literarischen Sachen an die University of California gehen und alle Kompositionen nach Österreich. Das war vermutlich eine verrückte Idee, weil die Studenten und Professoren – viele von ihnen ehemalige Krenek-Studenten - großes Interesse daran hatten, seinen Nachlass in Kalifornien zu behalten. Aber irgendwie habe ich gedacht, etwas sollte auch nach Wien gehen. So gingen seine Werke wieder zurück in seine Heimat.

Ernst Krenek hat sich mit sämtlichen Strömungen des 20. Jahrhunderts und mit historischen Vorläufern (Schubert, mittelalterliche Musik,…) beschäftigt und seine Kompositionen weisen eine enorme Vielseitigkeit auf. Kann man dennoch von einem Krenek-Stil sprechen?
Absolut! Typisch für ihn war, dass er nicht immer im selben Idiom komponiert hat, das wurde ihm schnell langweilig. Er hatte immer schon viele verschiedene Visionen und eine enorme Neugierde für alles in der Musik. Die Tonalität hat ihm nicht gereicht um alle seine Ideen auszudrücken. Er war bereits in seiner frühen Musik, die er mit 18, 19 Jahren geschrieben hat, sehr fortschrittlich. Seine Vorstellungskraft war immer voraus.
Wenn man seine Musik wirklich kennt, erkennt man seinen Stil, seine Person, seine Handschrift, sein Selbst in allen seinen Werken – auch wenn er in vielen verschiedenen Idiomen komponiert hat. Er wurde oft kritisiert, keinen Stil zu haben, aber das ist falsch. Zu seinen Studenten sagte er: „Schreiben Sie nicht immer dasselbe Stück! Ihr „Selbst“ ist in Ihren Werken ohnehin vorhanden, daher müssen Sie nach neuen Ideen streben. Weiten Sie sich aus!“. Wenn man mit einem Stück Erfolg hat, ist es natürlich einfach, zwanzigmal das Gleiche zu schreiben, aber so etwas war meinem Mann viel zu langweilig. Er war immer neugierig. Glenn Gould schrieb das auch über Krenek in seinem Buch.

Er war – ob literarisch, philosophisch oder musikalisch - ein Suchender.
Ja.
Wonach hat er gesucht?
(überlegt) Das Spirituelle. Fragen wie: was ist das Leben? Die Musik ist eine spirituelle Sache und mit keiner anderen Disziplin wie Malerei zu vergleichen. Es fehlte ihm auch etwas in der tonalen Musik. Eine neue Ausdrucksmöglichkeit war für ihn z.B. die – damals neue – elektronische Musik, die wieder eine andere Ebene darstellt und andere Ideen zulässt. Er hat in ihr das Medium gefunden, mit dem er ein zuvor begonnenes – und aus Mangel an Realisierungsmöglichkeiten fallen gelassenes - Chorwerk dann so verwirklichen konnte, wie er es im Kopf hatte. Als er Mitte der 50er-Jahre zum ersten Mal elektronische Musik im Studio des WDR in Köln gehört hat, sagte er: „That’s it! That is the sound I wanted to hear from my choral work!“
Der Sound, den er schon im Kopf hatte, aber für den er – bis zu diesem Zeitpunkt - noch keine Ausdrucksmöglichkeit fand.
Ja! Er hatte im Kopf schon alles fertig und suchte dann nach dem Medium, mit dem er diese Ideen ausdrücken konnte.

Ihr Mann war nicht nur Komponist, sondern auch Schriftsteller und Philosoph. Was war für ihn die wichtigste Erkenntnis im Leben? Seine Philosophie?
Das ist eine sehr schwierige Frage! Er war für die Freiheit aller Menschen und gegen die Unterdrückung von Minderheiten, z.B. der Mexikaner in Amerika. Er war ein großer Humanist und ein sehr moralischer Mensch. Er hegte nie einen Groll gegen jemanden und wollte immer zufrieden sein mit sich selbst. Wenn etwas schlecht war, konnte er damit nicht leben und musste einen Weg finden, um wieder ins Reine zu kommen. Ich denke er hat genau gewusst, wer er war und war absolut unabhängig in sich selbst. Ich habe in seiner Gegenwart immer gespürt, dass er eine besondere Existenz ist, selbständig in seinem Denken, gläubig und sehr stark. Ich denke man kann sagen: Sein Streben im Leben war die Musik! Die Themen seiner Opern sind so positiv und tiefgründig, es sind nicht nur Liebesgeschichten. Hinter all seinen Opern steht eine große Idee für die Menschheit, besonders in „Pallas Athene weint“. Aber wenige Leute in Österreich erkennen das. Einer, der seine Bedeutung erkennt, ist zum Beispiel Matthias Schmidt*. Er preist ihn und die Ideen hinter seinen Werken ganz, ganz hoch – über alle Komponisten hinaus. 

Sie sind auch Komponistin Neuer Musik, wobei sich Ihr Stil von jedem Ihres Mannes unterscheidet. Wie würden Sie die Unterschiede definieren?
Well, meine sind besser! (lacht)
Nein, ich bin eine Amateurin im Vergleich zu meinem Mann. Ich habe nicht viel geschrieben, finde aber ein paar Stücke ganz gut. Ich möchte mich eigentlich nicht als Komponistin bezeichnen. Meine atonale Musik ist sehr progressiv, fast aggressiv. Ich hatte auch nicht viel Zeit zum Komponieren, da mein Mann natürlich immer an erster Stelle kam und ich einige Jahre auch unterrichten musste, um Geld für uns zu verdienen. Ich hätte gerne mehr komponiert.
Kann man sagen, dass Sie Ihre Kariere hinter die Ihres Mannes gestellt haben?
Ja, nachdem er in mein Leben getreten ist musste ich natürlich viel für ihn tun – was ich aber auch wollte. Er war für mich wichtiger als meine Musik. Ich bin nicht traurig darüber, denn das war mein Wunsch, meine Liebe. Unsere Stile sind sehr verschieden und schwer zu vergleichen, aber als Komponist ist er weitaus besser, das ist kein Vergleich. Aber was ich geschrieben habe, ist auch nicht schlecht. (lächelt) 

Wie sehen Sie die Zukunft der Kompositionskunst und Musikrezeption?
Es wird weitergehen und es werden immer neue Klänge entdeckt werden. Man kann die Zukunft nicht voraussehen, aber die Kompositionskunst wird sicher nicht dieselbe bleiben. Krenek hat gesagt: „Musik wird nie besser, sie wird immer nur anders.“ Irgendwann wird man Klänge vom Mars entdecken oder was auch immer. Beethovens Werk ist sehr groß und wird es immer bleiben, aber ein zeitgenössisches Werk kann genauso groß sein. Es ist nicht besser oder schlechter, sondern einfach anders. 

Vielen Dank Frau Krenek für das Gespräch!
Wir freuen uns auf diese andere Musik, die noch kommen wird!



Im Gespräch mit Stanislav Khristenko



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* Schweizer Musikhistoriker. Einige Werke über Ernst Krenek:

Monographien:
- Schmidt, Matthias: Theorie und Praxis der Zwölftontechnik. Ernst Krenek und die
   Reihenkomposition der Wiener Schule, Laaber 1998.
- Schmidt, Matthias: Im Gefälle der Zeit. Ernst Kreneks Werke für Sologesang,
   Kassel 1998.

Herausgeberschaften:
- Schmidt, Matthias (Hg.): Echoes from Austria – Musik als Heimat? Ernst Krenek und das
   österreichische Volkslied im 20. Jahrhundert, Schliengen 2007.
- Schmidt, Matthias (Hg.): Ernst Krenek. Zeitgenosse des 20. Jahrhunderts / Companion
   of the
Twentieth Century, Wien 2000 (=Publikationen aus der Wiener Stadt-
   u. Landesbibliothek, Bd. 6).




© SIA / Sonja Schmid

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