23.02.2012
Ernst Krenek at recordings in Köln (1987)
Ernst Krenek bei Aufnahmen in Köln (1987)

Ernst Krenek in seinem Tonstudio in Palm Springs (1969), © Gladys Krenek
Ernst Krenek in seinem Tonstudio in Palm Springs (1969)



Stanislav Khristenko
Stanislav Khristenko

Gladys Krenek, Sonja Schmid (Steinway in Austria), Stanislav Khristenko
Gladys Krenek, Sonja Schmid (Steinway in Austria) und Stanislav Khristenko im Steinway-Haus Wien


 

Ernst Krenek – ein Musik Denkender


Was die 86-jährige Gladys Krenek (Witwe von Ernst Krenek) und den 27-jährigen Pianisten Stanislav Khristenko verbindet, ist vor allem die Liebe zu Kreneks Musik und das Bemühen, sein reiches Vermächtnis nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.
Die aktuelle CD-Produktion des jungen Pianisten mit Klavierwerken von Ernst Krenek nehmen wir zum Anlass, um den bedeutenden Komponisten und Schriftsteller ins Visier zu nehmen und an seine Verdienste in der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts zu erinnern.

Steinway in Austria traf die beiden Persönlichkeiten gemeinsam mit Florian Schönwiese, dem Generalsekretär und Geschäftsführer der "ernst krenek institut privatstiftung krems", im Steinway-Haus Wien zu einem Gespräch u.a. über Kreneks Werk, sein Leben, seine Philosophie, die Möglichkeiten und Grenzen des Komponierens und über die "Neue Musik" einst und jetzt.




Im Gespräch mit Stanislav Khristenko


Herr Khristenko, ist Wien für Sie eine besondere Stadt?
Ich bin das 3. oder 4. Mal in Wien und ich fühle immer diese ganz spezielle Atmosphäre in der Stadt, in der so viele großartige Komponisten gelebt haben. Als ich das 1. Mal hier war wollte ich daher als Erstes den Friedhof besuchen. Wien ist vielleicht weltweit die einzige Stadt, in der ich immer fühle, dass klassische Musik sehr wichtig ist. Dies habe ich an keinem anderen Ort der Welt so empfunden. Ich denke ein klassischer Musiker muss heute hier präsent sein.

Sie haben letztes Jahr im Konzerthaus einen Klavierabend mit drei Sonaten von Ernst Krenek gegeben. Wie reagierte das Wiener Publikum auf die Krenek-Sonaten im Vergleich zu Schubert und Strawinsky?
Ich hatte bei meinem Wiener Konzert den Eindruck, dass sich die Konzertbesucher mit der Musik, die ich spiele, sehr gut auskennen. Es war ein sehr gebildetes Publikum. Krenek wird nicht so häufig gespielt wie Schubert, daher war ich tief beeindruckt, wie aufmerksam das Publikum zugehört und wie gut es diese neue Musik aufgenommen hat. Ich hatte wirklich das Gefühl, sie mochten sie. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich diese Musik so sehr liebe und versucht habe, den Zuhörern diese Liebe zu vermitteln. Ich hoffe, es hat funktioniert!
Gladys Krenek: Es hat funktioniert – erinnere dich an den Applaus!

Sie nehmen in den nächsten Tagen - wieder im Konzerthaus - eine reine Krenek-CD auf, die bei "Oehms Classics" erscheinen wird. Können Sie uns etwas über den Hintergrund sagen?
Vor allem nehme ich die CD auf, weil ich Kreneks Musik so sehr mag! Der Hintergrund ist, dass ich in Kalifornien an einem Wettbewerb teilgenommen habe*, bei dem ein Pflichtstück die 2. oder die 3. Krenek-Klaviersonate war. Zuvor hatte ich noch nie eine Krenek-Sonate gespielt.
Sie entdeckten also seine Musik durch diesen Wettbewerb.

Ja. Beim Einstudieren der 2. Sonate für den Wettbewerb musste ich mich intensiv mit Kreneks Gesamtwerk beschäftigen – immerhin ist Neue Musik nicht so bekannt wie eine Beethoven-Sonate. Ich musste – neben den Noten – auch alles andere über ihn lernen. Ich mochte seine Musik von Beginn an. Später lernte ich dann weitere Stücke ein und irgendwann hatte ich ein schönes Krenek-Repertoire zur Verfügung!

Die Stücke, die Sie einspielen, reichen von 1922 bis 1988. Haben Sie bewusst Stücke mit so weit entfernten Entstehungsdaten gewählt, um seine Entwicklung bzw. seine verschiedenen Stile aufzuzeigen?
Ja. Die 2. Sonate ist Opus 59 und die 7. Sonate Opus 240, aber ich nahm auch Opus 13 (die “Little Suite”) mit ins Programm. So zieht die CD einen Bogen von der sehr frühen bis zu den sehr späten Werken.
Und wie würden Sie die Unterschiede zwischen den frühen und den späten Werken beschreiben?
Grob gesagt von tonaler und melodischer zu sehr atonaler Musik. Die 7. Sonate ist zum Beispiel durchwegs atonal und der Pianist muss teilweise im Inneren des Klaviers spielen. Die frühen Werke sind recht tonal, nicht wie die Musik des 18. oder 19. Jahrhunderts, aber doch tonal und sehr interessant.

Wie definieren Sie den Krenek-Stil?
Das ist in zwei Sätzen schwer zu beschreiben, weil seine Kompositionsrichtungen vom ersten bis zum letzten Werk so verschieden sind. Meiner Meinung nach lebte er zwischen zwei Epochen. Er war ein “Übergangskomponist” in dem Sinn, dass er die Musik im Laufe seines Künstlerlebens weitergebracht und viele Neuerungen erschaffen hat. Er schloss zu Beginn an musikalische Vorbilder wie Prokofiev oder Bartók an und entwickelte sich weiter bis hin zum atonalen Stil der 70er- und 80er-Jahre. Er war keiner jeder Komponisten, die einen einmal erlernten Sil ewigs weiterführten, ohne je etwas Neues hervorzubringen. Ich denke Ernst Krenek war einer jener wenigen Menschen, die wirklich neue und besondere Harmonien und Stile in die Musik einbrachten. Er veränderte die Musikwelt!

Sie verfügen über ein sehr großes Repertoire von Bach, Schubert und Brahms bis hin zu Strawinsky, Prokofiev und Krenek. Gibt es Musikrichtungen oder Komponisten, die Sie besonders schätzen?
Ich interessiere mich besonders für Neue Musik, da ich überzeugt bin, dass wir Musiker vorwärts denken und diese Musik genauso spielen müssen wie zum Beispiel Rameau. Was in der klassischen Musik heutzutage zu einem Problem wird ist, dass für die meisten Pianisten der späteste Komponist Schostakowitsch ist, sehr selten vielleicht noch Ligeti. Es gibt auch eine neue Generation von Barockspielern, aber der überwiegende Großteil spielt nur die Klassiker und Romantiker. Wir sollten viel mehr Zeitgenössisches aufführen. Diese Musik stammt aus unserer Zeit, aber wenn wir sie nie spielen, bleiben viele Komponisten und viel gute Neue Musik einfach unbeachtet. Mozarts Größe ist unbestritten, aber seine Musik spricht über seine Zeit und nicht über unsere. Es wird immer behauptet, zeitgenössische Musik sei so viel schwieriger zu verstehen, aber ich denke das nicht. Atonalität ist die musikalische Sprache unserer Zeit und sie müsste auch von Nicht-Musikern verstanden werden. Wenn das Publikum sie öfter hören würde, würde es sie auch kennenlernen und mögen.

Welche Anforderungen haben Sie an einen Flügel?
Es ist schwierig für mich, über die Beschaffenheit von Klavieren zu sprechen. Wir Pianisten spielen vor allem mit unseren Ohren und versuchen, aus dem Flügel den Klang herauszubringen, den wir uns vorstellen. Ich versuche mich nicht auf meine Finger, sondern nur auf den Klang zu konzentrieren. Ich bin sehr glücklich mit unseren heutigen Klavieren. Natürlich gibt es Unterschiede – beim einen ist es einfacher und beim anderem schwieriger, den Sound zu bekommen, den ich mir vorstelle. 
Mögen Sie Steinway-Flügel?
Ja! 
Mehr als andere?
Das würde ich behaupten. Heute gibt es so viele Steinways auf den Bühnen weltweit und ich kann sagen, dass der Steinway-Klang für mich DER Klavierklang ist. Nicht nur ich sondern viele Pianisten sagen, wenn sie auf einem anderen Flügel spielen: “Das ist nicht der Klang, den ich hören möchte.” Diesen Satz hört man nie von einem Steinway.

Sie nahmen in den letzten Jahren an sehr vielen Klavierwettbewerben teil, erst kürzlich am Rubinstein- und Tschaikowsky-Wettbewerb. Wie wichtig sind diese für Ihre persönliche und künstlerische Entwicklung?
Ich nahm an mehr als 30 oder 40 Wettbewerben teil und würde es wieder tun. Manche habe ich gewonnen, andere nicht. Wichtig für mich war bzw. ist, dass ich für einen Wettbewerb sehr hart arbeite und mich dadurch weiterentwickle. Das hilft mir zurzeit mehr als ein Konzert. Generell denke ich nicht, dass Wettbewerbe für die Karriere notwendig sind, aber ich lerne sehr viel von ihnen. Allein davon, dass man unter anderen jungen Pianisten ist und ihnen zuhören kann, dass man auf der Bühne steht und wertvolle Kritik erhält – sowohl von einer Fachjury als auch von den anderen Teilnehmern. Für mich sind Wettbewerbe ein Lernprozess und ich werde wahrscheinlich noch an einigen teilnehmen. Und auf Steinway spielen! (lacht)

Wie sind Ihre Zukunftspläne?
Mein Plan ist morgen (Anm.: Juli 2011) eine Ernst Krenek-CD aufzunehmen. In diesem Beruf ist es unmöglich vorherzusehen, wo man in zehn Jahren steht. Ich konzentriere mich immer auf den nächsten Schritt!

Herr Khristenko, vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für Ihren weiteren Weg!



Im Gespräch mit Gladys Krenek



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*  Virginia Waring International Piano Competition 2009 – Stanislav Khristenko hat den
    1. Preis in der Kategorie “Soloklavier” und den Ernst Krenek Preis gewonnen.



© SIA / Sonja Schmid

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