19.05.2012

Pavel Giliov im Gespräch mit Sonja Höchfurnter

Pavel Giliov im Gespräch mit Sonja Höchfurnter

Pavel Giliov am Klavier
Pavel Giliov am Steinway

Dora Schwarzberg
Dora Schwarzberg,

© Mozarteum Salzburg


Interview Pavel Gililov

Der russische Pianist Pavel Gililov gibt am 19. November um 19.30 Uhr im Mozarteum Salzburg im Rahmen der Kammermusik-Reihe „Mozarteum Classics“ gemeinsam mit Dora Schwarzberg ein Duokonzert Violine-Klavier. Anlässlich dieses Konzerts hat er die Steinway-Galerie Salzburg besucht - zu einem Gespräch über Schubert, die Gefühlswelt der Musik, das Cello, Studenten und junge Pianisten, Wettbewerbe, seine Liebe zu Österreich und vielem mehr. 

Steinway in Austria: Das Konzert, das Sie am 19.11. mit Dora Schwarzberg im Mozarteum geben, findet im Rahmen der Kammermusik-Reihe „Alles Beethoven & Schubert“ statt. Sie richten Ihr Programm ganz auf Schubert aus. Hat das einen Grund?

Pavel Gililov: Ich mag gerne Programme, die einem Komponisten gewidmet sind. Man kann wirklich in die Welt eines Komponisten eintauchen und sich einleben und einhören. Man entdeckt dann noch tiefere Hintergründe seiner Musik. In diesem Fall hat mich die große „Fantasie in C-Dur“ (D 934, Anm.) besonders gereizt, ein Stück das sehr selten gespielt wird und das zu Schuberts Zeiten vom Publikum überhaupt nicht angenommen wurde. Dieses Stück galt eine Weile überhaupt als unspielbar. Was mich auch gereizt hat waren die Variationen über das Lied „Trockne Blumen“ (D 802, Anm.), weil ich dieses Stück zwar schon mehrmals mit Flöte, aber noch nie mit Violine gespielt habe.

Aus Ihrer kammermusikalischen Konzerttätigkeit und Ihren CD-Einspielungen ist zu erkennen, dass Sie besonders gerne im Duo mit einem Cello bzw. einer Violine spielen. Warum haben Sie für diese beiden Instrumente eine besondere Vorliebe?

Streichinstrumenten sind noch näher an der menschlichen Sprache und Stimme als andere Instrumente, besonders das Cello, das ist mein Lieblingsinstrument. Ich hatte Glück, so viele wunderbare Cellisten als Freunde zu haben, neben Mischa Maisky z.B. Boris Pergamenschikow, David Geringas und viele andere, mit denen ich praktisch das gesamte Cello-Repertoire gespielt habe. Es ist besonders reizvoll, gleiche Stücke auch mit verschiedenen Künstlern zu spielen, weil man dadurch das Stück wieder aus einer ganz anderen Perspektive und vielseitiger kennen lernt.

Die Konzertreihe „Mozarteum Classics“ bietet ein sehr beachtliches Programm und zeigt das große künstlerische Potential der Lehrenden an der Universität Mozarteum. Gehen Sie selbst als Zuhörer oft in Konzerte?

Ich muss gestehen, dass ich sehr wenig Musik von anderen Kollegen höre, da ich sehr wenig Zeit habe. Zurzeit habe ich sehr viele Studenten, in Köln und in Salzburg. Man braucht natürlich auch Zeit, um selbst am Instrument zu sein und Zeit für die Familie. Ich höre zwar viel Musik, aber mehr von Studenten. Aber auch sie geben mir viele neue Impulse.

Sie haben selbst erwähnt, dass Sie viel, gelegentlich schon zu viel beschäftigt sind. Was hat Sie dennoch dazu bewogen, 2007 eine Gastprofessur am Mozarteum Salzburg anzunehmen?

Das Mozarteum ist ein besonderes Haus unter den Musikuniversitäten. Der Mythos von Mozart und Salzburg zieht ebenfalls an. Ich kannte Salzburg zuvor eher aus der Sommerzeit, von den Festspiel-Konzerten und viele Jahre habe ich bei der Sommerakademie als Dozent mitgewirkt. Mittlerweile hat sich um mich eine Klasse, fast eine „Familie“ gebildet und viele Freundschaften.

Beobachten Sie Unterschiede zwischen den Studenten in Salzburg und Köln?

Ja, es gibt Unterschiede. In Köln habe ich eine „alte“ Klasse, d.h. jeder neue Student kommt bereits in eine bestimmte Tradition hinein. In Salzburg musste ich alles von vorne beginnen, das war auch der Reiz, hier eine neue Zelle zu gestalten, wo Kunst sich formt. Die Studenten kommen mit vielen offenen Fragen. Man muss dann nach und nach diese Kriterien und Vorstellungen von wirklich ehrlicher und tiefer Beziehung zu Kunst durch Klavier spielen als System gestalten. Das ist ein komplizierter, langwieriger Prozess. Momentane Begeisterung ist nur ein Punkt auf einem langen Wege. Es dauert mindestens zwei Jahre, bis ein junger Mensch in dieses System hineinkommt und eine eigene Sicht auf die Kunst entwickelt und selbstständig zu arbeiten beginnt.

Wenn Sie sagen, dieser Lernprozess ist sehr langwierig und dauert mindestens zwei Jahre, werden Sie dem Mozarteum also noch lange treu bleiben – ja fast müssen!

(lacht) Ja, das stimmt. Das verpflichtet in gewisser Weise. Die Musikwelt ist eine sehr sensible Materie und man muss fähig sein, den Alltag abzuschütteln und sich auf die musikalischen Spannungen einstimmen. Die Studenten müssen lernen, Beziehungen zu verschiedenen Harmonien als Farben und Charaktere zu entwickeln und zwischen Intervallen und harmonischen Spannungen zu agieren. Diminuendo und crescendo bedeutet nicht bloß leiser und lauter werden. Stücke wirklich zu erschließen erfordert ein feines Training, auch psychologisches Training. Und Selbsterkennung.

Unterschiede bei den Studenten selbst gibt es vor allem zwischen Europäern und Asiaten. Asiatische Studenten haben sehr viel Respekt vor den großen Werken europäischer Musik und haben oft große meditative Fähigkeiten. Europäer sind mehr Realisten und nehmen – oft fälschlicherweise – an, sie könnten Schubert spielen, nur weil sie in Österreich geboren wären.

Verglichen mit der großen Anzahl an Klavierstudenten sind es nur wenige, die den Durchbruch schaffen. Welche Fähigkeiten braucht man dazu und wie wichtig sind Klavierwettbewerbe auf diesem Weg?

Int. Wettbewerbe sind eine Möglichkeit für junge Künstler um zu prüfen, ob sie auf dem richtigen Weg sind und wie das aktuelle Niveau international ist. Im Fall von Erfolg kann man bei den renommierten Wettbewerben damit rechnen, dass damit eine wirkliche Konzerttätigkeit beginnt. Beim „Beethoven Competition Bonn“ (Künstler. Leitung und Präsident der Jury seit 2004, Anm.) bieten wir dem Gewinner z.B. 70 Auftritte in den besten Konzerthäusern, auch mit Orchestern, und ein Preisgeld, dass es erlaubt, eine Weile nur zu üben, ohne nebenbei jobben zu müssen. Es ist ein gutes Trittbrett ins Konzertleben – und ein Ansporn zum Üben!

Ich würde meinen Studenten z.B. nie den Weg von Lang Lang empfehlen. Er ist ein sehr sympathischer junger Mann, aber er hat von Musik keine Ahnung. (lacht) Er schwimmt in sehr flachen Gewässern.

Ganz wichtig ist es für junge Pianisten, ein Repertoire zu finden, das ihnen liegt - das ist wie mit Kleidung. Und eine persönliche Note im Ausdruck. Ich bin mehr für „heiße“, nicht für „coole“ Musik. Diesbezüglich können wir viel übernehmen von Jazz-Musikern, die mit enormem Einsatz spielen und die Leute damit bewegen. Klassische Musik kann spröde wirken, wenn man nur einfach richtig spielt. Sie hat so viel Energiepotential. Wenn man sich an diese Quellen anschließt und die Energie rüberbringt, wird man Erfolg haben.

Durch große Werke der Klassik kann man viele Tugenden vermitteln, so wie Gefühle von Schönheit, Bewunderung, Trauer oder Freude – das ganze Spektrum von Grundemotionen und Ideen, mit denen wir leben im Alltag. Ich möchte nicht nur die Töne mischen, sondern etwas mitteilen.

Österreich hat den Ruf, ein Musikland zu sein. Spüren Sie das, wenn Sie hier sind?

Ja, absolut. Dieser Ruf ist sehr berechtigt. Ich spüre in Österreich, dass Kultur gepflegt wird und die Leute eine besondere Beziehung zur Musik haben, ob mit klassischer Musik, Volks- oder  Blasmusik. Die Charaktere der Volksmusik sind auch bei Schubert stark vertreten, selbst in den großen Sonaten. Auch bei Beethoven, obwohl er „zugereister“ Österreicher war. Die Lebenshaltung ist in Österreich generell eine andere als z.B. in Deutschland. Ich hab das Gefühl, dass die Leute hier etwas wacher sind und mehr Bereitschaft haben zu kommunizieren. Sie sind herzlich und sehr gastfreundlich. Ich besitze seit 1980 die österreichische Staatsbürgerschaft, da ich nach meiner Emigrierung aus der Sowjetunion (1978, Anm.) zuerst in Wien gelebt habe. Wien war damals für viele das „Tor zum Westen“. 1980 bin ich aufgrund der Professur, die ich in Köln bekommen habe, nach Deutschland gegangen. Ich fühle mich aber nach wie vor sehr wohl in Österreich!

Herr Prof. Gililov, vielen Dank für das Gespräch!

 

Das Interview führte Sonja Höchfurtner, Steinway-Galerie Salzburg.

 

/ nach oben /
/ zurück zur Übersicht /

Mehr Infos

Den Lebenslauf von Pavel Gililov und Dora Schwarzberg, das Konzertprogramm und die weiteren Konzerttermine der Reihe „Alles Beethoven & Schubert“ (Okt. 2008 bis Juni 2009 im Solitär, dem Kammermusik-Saal des Mozarteum Salzburg) finden Sie auf: www.mozarteum.eu

Freikarten

Für das Duokonzert Violine-Klavier am Mi, 19. 11. 08 und für das Klavierrecital mit der jungen amerikanischen Ausnahme-Pianistin Claire Huangci am Fr, 28. 11. 09, jeweils um 19.30 Uhr, gibt es für Freunde von Steinway in Austria Freikarten zu gewinnen.

ANMELDUNG: hoechfurtner@steinwayaustria.at

oder

0662 / 84 12 06

Termine

Alles Beethoven & Schubert!

19.11.08: Dora Schwarzberg – Pavel Gililov, Duo Violine-Klavier

28.11.08: Claire Huangci, Klavierrecital

05.12.08: Tecchler Trio, Klaviertrio

12.12.08: Yossif Ivanov - Itamar Golan, Duo Violine-Klavier

16.12.08: Abegg Trio, Klaviertrio

16.01.09: Hisako Kawamura, Klavierrecital

20.03.09: Gaudier Ensemble

17.04.09: Wiener Klaviertrio

24.04.09: Alexandre Pirojenko, Klavierrecital

05.05.09: Hagen Quartett mit Enrico Bronzi

15.05.09: Barbara Bonney - Alessandro Misciasci - Alois Brandhofer, Liederabend

27.05.09: Kirill Gerstein - Kolja Blacher - Clemens Hagen, Klaviertrio

19.06.09: Bennewitz Quartett, Streichquartett