Barbara Moser am Klavier

Barbara Moser: Mit fünf Jahren an der Universität für Musik und darstellende Kunst, mit 37 promovierte Musikwissenschaftlerin und seit vielen Jahren eine gefragte Pianistin – solistisch ebenso wie in Kammermusik und der Zusammenarbeit mit Sängern.
„Sich auf dem musikalischen Markt zu behaupten, ist viel schwieriger geworden“, sagt Barbara Moser, die genau das schon viele Jahre lang erfolgreich tut, wie Soloabende in wichtigen europäischen Musikzentren und bei renommierten Festivals sowie Konzertreisen nach Südamerika, Japan, Kanada und in die USA belegen. „Es gibt so viele Künstler und Programme, da besonders osteuropäische Künstler seit der Öffnung der Grenzen Ende der 1990er-Jahre nach Österreich geströmt sind und hier für eine Gage auftreten, für die wir Österreicher nicht arbeiten können. Umgekehrt können wir aus diesem Grund nicht in Osteuropa spielen, diese Situation wurde nie ausgeglichen.“
Barbara Moser analysiert ohne jegliche Larmoyanz die Entwicklung des Musikmarktes und lässt sich auch durch die Tatsache, dass die USA für sie als Konzertland nicht mehr in Frage kommen, nicht erschüttern: „Anders als hier muss man als ausländischer Künstler vor jeder Konzertreise in die USA beweisen, dass man besser ist als ein US-Pianist, um eine Arbeitserlaubnis zu erhalten. Das ist sehr aufwändig und sowohl für Künstler als auch für Veranstalter ein zu schwieriges Prozedere. Reisen in die USA sind aber wegen der enormen Security ohnehin nicht mehr lustig, und Europa ist als Markt ja auch groß genug.“
Zwischen Gelassenheit und Anspannung
Die Leichtigkeit, mit der sie von schwierigen Marktbedingungen spricht, erinnert an ihr Spiel. Auch komplizierte Klavierliteratur klingt unter ihren Händen, als ob sie das Selbstverständlichste der Welt wäre. Das Publikum dankt es mit Treue, Aufmerksamkeit und Hingabe. Wie beispielsweise bei ihrem Solo-Konzertabend am 11. Juni im Wiener Musikverein. Trotz Hitze und Fußball-EM war der Brahmssaal gefüllt und das Publikum begeistert von der musikalischen Wanderung. Ihre „Voyageurs“ führten Moser zu Beethoven ebenso wie zu Schubert und Liszt. Dass die Begeisterung bei einer Zugabe zu vorzeitigem Applaus geführt hat, nimmt die 38-Jährige mit Gelassenheit. „Applaus ist nicht berechenbar. So habe ich gelernt, Applaus an der falschen Stelle möglichst zu verhindern, indem ich keine zu ausladenden Armbewegungen mache und von der Haltung her vermittle, dass das Stück noch nicht zu Ende ist. ‚Die Aufforderung zum Tanz‘ stellt einen Sonderfall dar, da niemand ahnen kann, dass das Stück nach seinem fulminanten Ende noch einen kleinen Epilog bereithält!“
Gelassen, jedoch nicht tatenlos, reagiert sie auch als Konzert- und Opernbesucherin auf störende Geräusche: Es kommt schon mal vor, dass sie den Besitzer einer laut tickenden Uhr in ihrer Nähe bittet, diese abzunehmen. Kann die Wiener Pianistin irgendetwas wirklich aus der Ruhe bringen? Ist sie bei einem Solo-Klavierabend wie jenem im Juni nicht doch ein klein bisschen nervös? Die Antwort überrascht beinahe: „Natürlich bin ich nervös und sehr angespannt. Vor allem auch weil an diesem Abend der Rundfunk dabei war. Das Radiopublikum ist Perfektion gewohnt. Also muss man eine Balance finden zwischen perfekt genug für das Radiopublikum und aufregend genug für das Publikum im Saal. Aber ich bin natürlich sehr dankbar, dass mein Konzert für die Festwochen übertragen und dann auch von vielen europäischen Stationen übernommen wurde, weil es auch schwieriger geworden ist, im Radio präsent zu sein.“
Zwischen Marktmaschinerie und Identifikation
Der wachsenden musikalischen Konkurrenz begegnet Barbara Moser mit maximaler Vielseitigkeit, guter Zusammenarbeit mit allen Beteiligten und erstaunlich gleich bleibendem Styling. Auch in puncto Vermarktung bleibt sie unaufgeregt und lässt sich nicht von einer Maschinerie vereinnahmen. „Der Hype um Hochglanzfotos und Styling wird bald implodieren. Die betreffenden Künstler haben es auch schwer, weil sie gegen sich selbst antreten müssen, wenn Realität und Foto nicht übereinstimmen und das Publikum optisch enttäuscht ist. Das Popstar-Image ist heute hochgezüchtet. Anders als bei einer Maria Callas oder einem Caruso, ist jetzt manchmal zuerst der Ruhm da und dann erst folgt die Leistung, die oft gar nicht Schritt halten kann.“ Dass es dazu kam, führt die Pianistin darauf zurück, dass das Publikum nicht mehr so fachkundig ist, da das Visuelle – Fernsehen und Werbung – so dominant geworden ist.
Viele Jahre auf der Bühne, immer schwierigere Marktbedingungen. Hat Barbara Moser je überlegt, beruflich etwas anderes zu machen? Oder ist das Pianistinnendasein das einzig Vorstellbare von Kindheit an? „Als Kind hab ich nie überlegt, wie die Laufbahn einer Pianistin sein könnte, ich bin da eher reingerutscht. Ich hatte viele Möglichkeiten, von Fechten bis Ballett. Das Klavierspielen habe ich immer gern gemacht, es ist mir leicht gefallen und ich habe gesehen, dass ich sofort Erfolg habe, wenn ich übe. Aber sicher fragt man sich manchmal, was man mit seiner Intelligenz noch hätte anfangen können. Wir haben ja alle studiert und arbeiten unterbezahlt in einem unsicheren Job.“ Aber es wäre nicht Barbara Moser, wenn sie nicht sofort das Positive an einer Situation herausstreichen würde. „Pianistin zu sein, ist ja schon auch aufregend. Man ist dauernd in neuen Ländern, arbeitet mit neuen Leuten und an neuen Stücken. So steht man ständig vor neuen Herausforderungen. Es wäre ja ein furchtbar tristes Leben, etwa von 9 bis 17 Uhr in einem Bereich zu arbeiten, mit dem man sich nicht identifiziert und der einem keine Freude macht.“
Doch ist sie Realistin genug und unterrichtet seit 1999 an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien. „Würde ich mir die Hand brechen und könnte nicht mehr so gut spielen, dann hätte ich noch ein Standbein. Ich unterrichte aber auch sehr gern und möchte unbedingt einmal eine eigene Klasse. Die Neugier der Schüler ist einfach toll und das Unterrichten auch eine Bereicherung für das eigene Spiel, weil man dabei den eigenen Zugang hinterfragt.“ Doch nicht nur ihre Schüler sind neugierig, sie selbst hat sich als Callas- und Opernfan vor Kurzem dem Thema „Vincenzo Bellinis Oper La Sonnambula - Verzierverhalten und allgemeine Aufführungspraxis auf Tonträgern sowie in älteren Quellen“ gewidmet und es in eine 450 Seiten umfassende Dissertation verpackt. „Mir war das Wissenschaftliche zur Abwechslung sehr recht, um den Kontakt zum Denken nicht zu verlieren. Man wird sonst womöglich zu einseitig.“
Diese Gefahr scheint einem als Gesprächspartner allerdings sehr entlegen, etwa wenn sie von ihren Freundschaften mit Pianisten erzählt und meint, dass sie nichts schlimmer findet, „als den anderen ihren Erfolg zu neiden“.
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Neue CD
Bei Gramola erscheint im Herbst Barbara Mosers insgesamt 9. Solo-CD, die zugleich auch eine Premiere ist. Denn Gramola hat sich entschieden, den Livemitschnitt ihres Festwochenkonzerts im Brahmssaal herauszubringen anstelle einer weiteren Studioproduktion.
Nähere Informationen www.barbaramoser.info