



Carl Czerny –
Mehr als bloß ein „Etüdenfabrikant“
Am 10. April 1999 trat Hans Kann, im Alter wie in seiner Jugend ein unermüdlicher Kämpfer für die Wiederbelebung pianistischer Raritäten, im Brahmssaal des Musikvereins mit einem seiner besonderen Glanzstücke auf: Gemeinsam mit der Slowakischen Sinfonietta unter ihrem japanischen Chefdirigenten Tsugio Maeda musizierte er Carl Czernys hervorragende Bearbeitung der alten österreichischen Kaiserhymne, die schon zu Joseph Haydns Lebzeiten als Streichquartett-Version populär geworden war. Czerny benutzte diese legendäre Melodie 1824 als Grundlage eines brillanten Konzertstücks für Klavier und Orchester, unter der Opusnummer 73 mit dem Titel „Variationen über Haydns Kaiserlied“ veröffentlicht (vom Komponisten selbst auch als Klavierquintett arrangiert).
Zweifellos zeichnet sich die Technik der ornamentalen Variationen Czernys* gerade hier durch außergewöhnlichen musikalischen Ideenreichtum aus. Hans Kann versucht in seiner Interpretation zu veranschaulichen, wie wenig Beethoven strukturell oder inhaltlich als Vorbild maßgeblich gewesen sein dürfte! Die kunstvolle Verbindung von pianistischer Geschliffenheit mit einer Instrumentation, die man selbst im Beethoven-Umfeld der ausgehenden Wiener Klassik als „frühromantisch glanzvoll“ bezeichnen könnte, hat ein überaus dankbares Klavierkonzert entstehen lassen. Hinsichtlich der Balance zwischen Solisten und Tutti weisen Czernys viel zu selten aufgeführte „Variationen über Haydns Kaiserlied“ überraschen deutlich auf Chopins und Liszts Werke für Klavier und Orchester voraus.
Gegenüber Chopins frühem Konzertstück „Variationen über ’Reich mir die Hand, mein Leben’ “, op. 2 (1827/28) dürfte Czernys Orchestersatz in diesem op. 73 durchaus überlegen sein.
Als Autor zahlloser Etüden und theoretischer Arbeiten zur Klavierpädagogik hat es Carl Czerny trotzdem (oder soll man sagen: gerade deshalb?) nie an Phantasie, Witz und einer gewissen Farbigkeit des Satzes fehlen lassen – alles triftige Gründe, sich intensiver mit seinem stark vernachlässigten Originalkompositionen zu beschäftigen. Zu den Werken Czernys für Klavier und Orchester gehören neben seinem Konzert a-Moll, op. 214 und dem Divertissement, op. 204 auch ein Konzert à 4 ms, op. 153 sowie ein Concertino, op. 650 (1842).
Grete Wehmeyer plädiert übrigens dafür, Czernys Originalkompositionen keineswegs unter dem einzigen Aspekt virtuoser Effekthascherei zu sehen und andererseits etwaige didaktische Parallelen mitein zu beziehen. Czerny nämlich verstand sich stets als ein universeller Vermittler einer ausgeklügelten Klaviermethodik, wobei durchaus manche seiner Lehrwerke für die höhere Unterrichtsstufe auch das technische Rüstzeug für seine Konzertwerke bilden sollten (z.B. „Systematische Anleitung zum Fantasieren auf den Pianoforte“, op. 200, 1829/30).
Hans Kann, zeitlebens um die Wiederentdeckung vergessener oder zu wenig beachteter Klavierschätze vom 18. – 20. Jhdt. bemüht, hat sich nie gescheut, neben Czerny auch Werke von Moscheles, Hummel, Kalkbrenner, Grünfeld oder Schütt zu spielen. Dass eine seriöse Interpretation und augenzwinkender Humor kein Gegensatz sein muss, hat dieser vielseitige österreichische Pianist z.B. in seinen Mittagskonzerten (im Schubertsaal / Wiener Konzerthaus) und zahlreichen Einspielungen auf wunderbare Weise bewiesen.
(* vgl. von Czernys Werken à 2 ms neben den auf MHS 973 eingespielten „Amicitiae-Variationen“! auch die rund 300 (!) verschiedenen Variationen, Potpourris und Paraphrasen zu 87 damals aktuellen Opern. „Czernys Arrangements waren ein durchaus gehaltvoller Tribut an die Publikumsbedürfnisse jener Tage.“
(Christoph RUEGER)
Wir danken Herrn Richard Tröthann aus Wien
für die Zusendung dieses Artikels!
/ nach oben /
/ zurück zur Übersicht /
Mehr Infos
zu Carl Czerny